Spricht man vom Teufel,
ist er schon da!
(Gustavo Adolfo Bécquer)
Edgar
Danke der Nachfrage, wirklich sehr freundlich von Ihnen. Aber ich bin an einer Teufelsaustreibung nicht interessiert. Doch, doch, es stimmt schon, dass der Teufel in mir steckt. Eines schönen Tages ist er in mich gefahren, ohne mich vorher um Erlaubnis zu bitten. Keine Ahnung, wie er ausgerechnet auf mich gekommen ist. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich habe keine Probleme damit. Im Gegenteil, wir kommen prima miteinander aus.
Natürlich war das am Anfang eine ziemliche Umstellung Es macht halt schon einen Unterschied, ob man mit oder ohne Teufel lebt. Als alleinstehender Junggeselle konnte ich tun und lassen, was ich wollte. Zu zweit geht das nicht. Ich glaube, wenn sich jeder auf Kosten des anderen ausgelebt hätte, ohne Rücksicht auf Verluste, dann wären wir schon längst nicht mehr zusammen. Aber im Laufe der Zeit lernt man, Kompromisse zu schließen. Steckst du hier ein Stückchen zurück, stecke ich da ein Stückchen zurück. Und so haben wir uns zusammengerauft.
Einen wirklich ernsthaften Krach hat es bislang nur ein einziges Mal gegeben. Das war, als ich meine Frau kennen gelernt habe. Was hat er da für einen Aufstand gemacht! Meinen Heiratsantrag wollte er mit allen Mitteln verhindern. Nächtelang hat er herumgetobt und als er gemerkt hat, dass er damit bei mir nicht weiterkommt, hat er sich in den Schmollwinkel verzogen. Ein klarer Fall von Eifersucht und Verlustangst. Schließlich ist mir der Geduldsfaden gerissen und ich habe ihn mir vorgeknöpft. Was soll eigentlich das ganze Theater?, habe ich ihn gefragt. Du tust ja gerade so, als wollte dir jemand an den Kragen. Es hat mich einige Überredung gekostet, bis er sich wieder wie ein normaler Mensch benommen hat. Na ja, Mensch ist vielleicht das falsche Wort, aber Sie wissen schon, was ich meine.
So ganz wohl war meiner Frau auch nicht bei dem Gedanken, einen Mann zu heiraten, in dem der Teufel steckt. Die Vorstellung, nicht einmal im Schlafzimmer mit mir richtig allein sein zu können, hat ihr doch zu schaffen gemacht. Aber das hat sich schnell gelegt. Wir haben uns für die Heirat und für den Teufel entschieden und der Erfolg hat uns Recht gegeben. Nach knapp zweijähriger Ehe glaube ich sagen zu können, dass wir ihn voll integriert haben. Gott sei … Ist ja schon gut, Edgar, war nicht so gemeint. Sie müssen wissen, ich nenne ihn Edgar, obwohl er eigentlich gar keinen Vornamen hat. Wenn man tagaus tagein auf engstem Raum zusammenlebt, stellt sich doch einen gewisse Vertraulichkeit ein. Ich finde, Edgar klingt ganz nett, jedenfalls besser als Teufel oder Satan oder Luzifer.
Haben Sie das übrigens eben mitbekommen? Jedes Mal, wenn ich das Wort Gott in den Mund … Hörst du jetzt endlich auf damit! … stößt er mich in die Rippen. Edgar ist ziemlich empfindlich in der Beziehung. Er glaubt, ich würde das extra machen, um ihn zu ärgern. Dabei rutscht mir das Wort manchmal einfach so heraus.
Er hat schon seine Marotten. Aber wer hat die nicht? Zum Beispiel würde ich ihn liebend gern einmal zu Gesicht bekommen. Aber er weigert sich. Immer wenn ich das Thema anschneide, erzählt er mir Schauergeschichten über sein Aussehen. Hörner, Bocksbeine, Schwanz, zottige Haare und so weiter. Aber ich glaube ihm kein Wort. Wahrscheinlich ist das seine Revanche für G… Das war aber jetzt unfair, Edgar! Ich habe das Wort doch noch gar nicht ausgesprochen. Was? Das wollte ich dir auch geraten haben! Sie müssen schon entschuldigen, manchmal ist er ein richtiger Hitzkopf. Aber irgendwie macht ihn das auch liebenswert. Oder wollten Sie einen Teufel in sich haben, der perfekt ist?
Demnächst werden wir unsere Wohngemeinschaft noch vergrößern. Nein, wir erwarten kein Kind. Ein Kind haben wir ja praktisch schon, obwohl wir immer der Versuchung wiederstanden haben, Edgar wie ein Baby zu behandeln. Schließlich ist er erwachsen und hat seinen eigenen Willen. Aber es ist so, dass er sehr an seiner Familie hängt und sie gern nachkommen lassen möchte. Warum eigentlich nicht? Wenn alle ein bisschen zusammenrücken, geht das schon. Ich habe jedenfalls keinen Zweifel, dass seine Verwandten genauso umgänglich sind wie er. Glauben Sie bloß nicht, was in der Presse über Teufel geschrieben wird. Alles Unfug!
Meine Freunde und Bekannten sehen sich durch solche Zeitungsartikel natürlich in ihren Vorurteilen bestätigt. Meine ehemaligen Freunde und Bekannten, um genau zu sein. Sie hätten mal die Reaktionen erleben sollen, als ich ihnen von Edgar erzählt habe. Na, Herr Faust, wie geht’s denn unserem Mephisto heute? Solche hämischen Bemerkungen habe ich mir dauernd anhören müssen. Die haben wohl gedacht: Jetzt dreht er total durch. Aber ich bin nicht verrückt. Sie können von mir denken, was Sie wollen. Aber verrückt bin ich nicht. Trotzdem bin ich zum Arzt gegangen, um mich gründlich untersuchen zu lassen. Die Befunde waren eindeutig: Alles funktioniert bestens. Ich habe denen mein Attest unter die Nase gehalten. Hier, bitte, was sagt ihr nun? Genützt hat es nichts. Heute leben wir ziemlich isoliert, aber was soll’s. Auf solche Freunde kann ich auch verzichten.
Manche Leute wollen ja in späteren Jahren von ihrer Vergangenheit nichts mehr wissen. Mir geht das nicht so. Warum soll ich mich schämen für das, was ich gemacht habe? Ich würde mein Leben noch einmal so führen, wie ich es geführt habe. Einschließlich Teufel.
Tja, ich fürchte, Sie sind völlig umsonst ge… Was heißt hier: Schluss jetzt, Sie hätten schon genug Zeit vergeudet? Wollen Sie mir etwa in meiner eigenen Wohnung den Mund verbieten? So weit kommt’s noch. He, was soll das? Hände weg! Das ist Freiheitsberaubung, was Sie da machen! Ich zeige Sie an, darauf können Sie Gift nehmen! Loslassen, sage ich!
Edgar!!!